Verfasst von Linda Zeindl
Als wir am 2. August 2026 in Whistler angekommen sind, waren wir eine ziemlich bunte Gruppe: 33 Studierende und 6 Dozierende aus vier Hochschulen und drei Ländern – Kanada, Deutschland und der Schweiz. Von der Technischen Hochschule Deggendorf waren 12 Studierende dabei, die ich gemeinsam mit den anderen Dozierenden begleiten durfte.
39 Menschen, die sich zum Teil überhaupt nicht kannten.
Und genau das war für mich einer der spannendsten Punkte an dieser Summer School: zu sehen, was passiert, wenn Menschen aus unterschiedlichen Ländern, Hochschulen und Kulturen plötzlich zwei Wochen lang einen gemeinsamen Alltag haben.
Angekommen in Whistler
Whistler macht es einem nicht gerade schwer, sich wohlzufühlen. Berge, Seen, Wälder – und überall Sport. Schon auf den ersten Metern bekommt man das Gefühl, dass Bewegung hier einfach dazugehört. Für eine Summer School mit dem Titel „Intercultural Learning in Sports“ hätte es eigentlich keinen passenderen Ort geben können.
Wir waren im Whistler Athletes’ Centre untergebracht. Dort trainieren kanadische Spitzensportlerinnen und Spitzensportler und bestreiten teilweise ihre Trainingslager. Für unsere Studierenden war es natürlich etwas Besonderes, plötzlich mitten in dieser Welt zu wohnen.
Aber am Anfang stand erst einmal etwas ganz anderes auf dem Programm: kennenlernen.
Aus 39 Menschen wird langsam eine Gruppe
Am ersten Tag waren viele noch etwas zurückhaltend. Wer spricht wen an? Mit wem werde ich die nächsten zwei Wochen verbringen? Versteht man sich überhaupt?
Also haben wir gespielt.
Kennenlernspiele, kleine Challenges, gemeinsame Aufgaben – und plötzlich wurde aus „den Kanadiern“, „den Schweizern“ und „den Deutschen“ eine Gruppe von Menschen. Ich fand es schön zu beobachten, wie schnell sich das verändert hat. Am Anfang standen noch die Unterschiede im Vordergrund. Nach ein paar Tagen waren es dann eher die Gemeinsamkeiten: der gleiche Humor, der Ehrgeiz beim Sport, gemeinsames Lachen, Müdigkeit nach einem langen Tag oder die Frage, wer eigentlich den nächsten Kaffee braucht.
Und irgendwann wurde gar nicht mehr darüber nachgedacht, aus welchem Land jemand kommt.
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Bei den Kennenlernspielen wuchsen die Dozierenden sowie die Studierenden langsam zusammen.
Was ist Sport eigentlich für uns?
Genau darum ging es in den nächsten Tagen immer wieder.
Wir haben uns angeschaut, wie unterschiedlich Sport in Kanada, der Schweiz und Deutschland organisiert ist. Dabei wurde schnell klar: Sport ist eben nicht überall gleich. Wie wird Sport an Schulen vermittelt? Welche Rolle spielen Vereine? Wie funktioniert Leistungssport? Welche Möglichkeiten haben Kinder und Jugendliche? Und welchen Stellenwert hat Sport überhaupt in der Gesellschaft?
Natürlich gibt es Unterschiede. In Europa ist Schwimmunterricht ein Pflichtfach in den Schulen, in Kanada nicht. Dafür gib es in den kanadischen Schulen eigene Sportteams, die das ganz Jahr gegeneinander antreten. In Deutschland ist das nicht so. Und viel erstaunlicher noch, der Collegesport, der auch in Kanada sehr populär ist, spielt in Deutschland keine Rolle, dafür sind die Studiengebühren deutlich günstiger als in Kanada.
Lernen, ohne dass es sich wie Lernen anfühlt
Vielleicht war genau das die besondere Stärke dieser Summer School. Wir haben natürlich auch in Seminarräumen gesessen und Präsentationen gehört. Aber vieles von dem, was wir lernen wollten, ist eigentlich ganz nebenbei passiert. Wir haben Lacrosse ausprobiert, Unihockey gespielt, geturnt, gewandert, Völkerball gespielt und Pickleball kennengelernt. Und natürlich gab es dabei die unterschiedlichsten Talente. Manche waren sofort ehrgeizig dabei. Andere mussten erst einmal herausfinden, wie das Spiel überhaupt funktioniert. Aber genau das war egal.
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Lacrosse – eine großartige Sportart mit indigenen Wurzeln, die wir kennenlernen durften.
Kanada kennenlernen – und zuhören
Ein besonderer Moment war für mich unser Besuch im Squamish Lil'wat Cultural Centre.
Bis dahin hatten wir Kanada vor allem als unglaublich beeindruckendes Land erlebt: Berge, Natur, Sport und Outdoorleben. Hier kam eine andere Seite dazu. Menschen und deren Kultur.
Es ging um Geschichte, um die indigene Bevölkerung Kanadas und um deren Erfahrungen, die teilweise bis heute nachwirken. Aus meiner Sicht hat Kanada mittlerweile einen guten Weg gefunden, die indigene Bevölkerung zu würdigen, auch wenn das nicht immer so war.
Für mich war es wichtig, dass dieser Teil ebenfalls Bestandteil unserer Summer School war. Denn interkulturelles Lernen bedeutet für mich nicht nur, Unterschiede spannend oder exotisch zu finden. Es bedeutet auch, zuzuhören, Fragen zu stellen und sich mit der manchmal auch sehr unangenehmen Geschichte eines Landes auseinanderzusetzen.
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Auch die Besonderheiten beim Fischen mit einem großen Kanu wurden uns im Kulturzentrum erklärt. Quelle: SLCC
Und dann wohnt man plötzlich neben Spitzensportlern
Das Whistler Athletes’ Centre war dafür eigentlich der perfekte Ort. Zwischen unseren eigenen Aktivitäten begegneten wir immer wieder Athletinnen und Athleten, die dort trainierten. Für unsere Studierenden war das natürlich etwas Besonderes.
Und dann kam unser Gespräch mit Greg Hall, Strength and Conditioning Coach des Pacific Rim. Für mich persönlich war es spannend zu sehen, wie aufmerksam die Studierenden zugehört haben. Plötzlich wurde aus dem, was wir im Studium über Training, Leistungsentwicklung und Athletenbetreuung besprechen, etwas ganz Konkretes.
Und dann saß da tatsächlich eine Olympiamedaillengewinnerin vor uns: Marielle Thompson.
Viermal hat sie den Gesamtweltcup gewonnen und bei den Olympischen Spielen in Peking 2022 die Silbermedaille geholt. Aber ehrlich gesagt war es gar nicht die Medaille, die mir von diesem Treffen am meisten im Gedächtnis geblieben ist. Es war die sympathische und ehrliche, erzählende Person dahinter.
Wir konnten ihr Fragen stellen, haben über ihren Weg im Leistungssport gesprochen und darüber, was es bedeutet, über viele Jahre auf höchstem Niveau zu trainieren. Für unsere Studierenden war das natürlich eine einmalige Gelegenheit. Für mich als Dozentin war es schön zu sehen, wie aus anfänglicher Neugier echtes Interesse wurde.
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In der Mitte, von den Studierenden und Dozierenden umrahmt, Marielle Thompson und Greg Hall.
Wo 2010 Olympiageschichte geschrieben wurde
Natürlich durfte auch die Geschichte der Olympischen Winterspiele nicht fehlen.
Wir haben verschiedene Orte besucht, an denen 2010 Olympiageschichte geschrieben wurde – zum Beispiel am Skihang in Whistler, an dem Maria Riesch Gold in der Super-Kombination und im Slalom holte, oder Bode Miller, der hier gleich drei olympische Goldmedaillen mit nach Hause nahm.
Aber auch spannend war es für uns zu sehen, wie gut beispielsweise die Medals Plaza von damals genutzt wird, denn wir durften ein kostenloses Konzert auf dieser besuchen.
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Full House bei der Free Concert Series auf der Whistler Olympic Plaza.
Und dann waren da noch die Berge
Whistler ist natürlich mehr als Sportstätten und Seminarräume. Die Berge waren eigentlich ständig präsent.
Und irgendwann gehörten Wanderungen einfach dazu. Ich glaube, gerade dort sind viele Gespräche entstanden, die in einem Seminarraum wahrscheinlich nie stattgefunden hätten. Man läuft nebeneinander, redet über das Studium, über zu Hause, über Pläne, über Unterschiede zwischen den Ländern – und manchmal auch einfach über völligen Unsinn.
Und plötzlich raschelt es im Gebüsch und man wird kurz still, denn es ist „Beary Season“ in Kanada. Aber gefährlich nahe ist uns nie ein Schwarzbär gekommen, die vor allem eins wollen: sich ordentlich Winterspeck anfressen für den Winterschlaf.
Ein Abend, der nach Zuhause schmeckte
Apropos Fressen, ich meine Essen, das kam vor allem beim International Tasting nicht zu kurz. Die Studierenden sollten ein Gericht aus ihrer Heimat beziehungsweise ihrem Herkunftsland zubereiten. Plötzlich wurde gekocht, probiert, verglichen und erzählt. „Das musst du unbedingt probieren.“ „Das gibt es bei uns immer.“ „So machen wir das zu Hause.“ Essen ist vielleicht eine der einfachsten Möglichkeiten, Menschen zusammenbringen.
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Beim International Tasting wurde ordentlich gekocht. Auf dem Speiseplan standen Spätzle, Alpine Macaroni, Franzbrötchen und Vanilleeis mit Ahornsirup.
Und irgendwann waren wir keine 39 mehr
Wenn ich an den ersten Tag zurückdenke und ihn mit dem letzten vergleiche, ist das wahrscheinlich die größte Veränderung. Am Anfang waren wir 33 Studierende und 6 Dozierende. Am Ende waren wir einfach eine Gruppe. Natürlich wussten wir noch, wer aus Kanada, der Schweiz oder Deutschland kam. Aber es war nicht mehr das Entscheidende. Es waren neue Freundschaften entstanden. Es wurden Kontakte ausgetauscht, gemeinsame Pläne gemacht und schon darüber gesprochen, wann man sich wiedersehen könnte. Und plötzlich war der Abschied viel schwieriger, als man vielleicht am Anfang gedacht hätte.
Was bleibt, wenn die Koffer wieder gepackt sind?
Zwei Wochen sind schnell vorbei. Man fliegt nach Hause, packt die Koffer aus und irgendwann steht der Alltag wieder vor der Tür. Aber ich glaube, genau dann merkt man erst, was von so einer Reise eigentlich bleibt. Natürlich nehmen die Studierenden fachliche Erfahrungen mit. Sie haben andere Sportsysteme kennengelernt, neue Sportarten ausprobiert und Einblicke in den kanadischen Spitzensport bekommen. Aber ich hoffe, dass noch etwas anderes bleibt: die Erfahrung, dass man Menschen, die zunächst völlig fremd sind, kennenlernen kann. Dass Unterschiede spannend sein können. Dass man nicht immer dieselbe Sprache sprechen muss, um sich zu verstehen.
Und dass Sport unglaublich viel bewegen kann – manchmal sogar zwischen Menschen, die auf unterschiedlichen Seiten der Welt leben.
Vielleicht ist das die eigentliche Idee hinter „Intercultural Learning in Sports“
Für mich persönlich war diese Summer School deshalb mehr als eine Lehrveranstaltung.
Ich durfte die 12 Studierenden der THD begleiten, aber gleichzeitig selbst unglaublich viel mitnehmen. Ich habe erlebt, wie aus einer Gruppe von Menschen, die sich teilweise kaum kannten, innerhalb von zwei Wochen eine Gemeinschaft entstanden ist. Ich habe gesehen, wie Sport Türen öffnet. Und ich habe wieder einmal gemerkt, warum ich meinen Beruf so gerne mache.
Denn am Ende geht es bei Sport eben nicht nur um Bewegung, Training oder Leistung. Es geht um Menschen. Um Begegnungen. Um gemeinsame Erlebnisse. Und manchmal auch darum, gemeinsam auf einem Berg zu stehen und kurz zu denken:
Was für ein Glück, dass wir gerade hier sind.
Whistler war für uns deshalb nicht einfach nur der Ort, an dem eine Summer School stattgefunden hat. Es war ein Ort, an dem wir gelernt haben – über Sport, über andere Kulturen, über andere Menschen und ein bisschen vielleicht auch über uns selbst.
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Am Ende der Summer School gab es für die Studierenden noch ein Zertifikat und die Betreuerin war doch ein wenig müde geworden nach 2 Wochen Summer School.
Linda Zeindl
Linda Zeindl ist Sportwissenschaftlerin mit Leib und Seele. Ob als Lehrkraft für besondere Aufgaben bei den Angewandten Sportwissenschaften der THD, als Präventionstrainerin im Bereich Bewegung oder als Skilehrerin im Winter. Außerdem reist sie sehr gerne, meist mit dem Rad. Das ist ihr erster Blogbeitrag, bei dem sie über ihre Erfahrungen als Begleitperson von 12 Studierenden der Angewandten Sportwissenschaften während der Summer School in Whistler im August 2026 erzählt