Zwischen bayerischer Bodenständigkeit und kalifornischem Gründergeist liegen nicht nur ein paar Zeitzonen, sondern auch zwei sehr unterschiedliche Arten, auf die Welt zu blicken. Während man in Bayern lieber erst gründlich plant, bevor man etwas wagt, gilt im Silicon Valley das Motto: „Try fast, fail faster, learn forever“.
Vom 5. bis 11. Oktober 2025 machten sich die Studierenden des Masterstudiengangs Technologiemanagement der Fakultät für Naturwissenschaften und Wirtschaft (NuW) auf den Weg dorthin, wo Innovation nicht nur gedacht, sondern gelebt wird - ins Silicon Valley. Im Rahmen des Wahlpflichtfachs „Technology to Market“ wurde die Region rund um San José, Santa Clara und Palo Alto zur Lernarena, die den Unternehmergeist nicht nur studieren, sondern spüren wollten.
Kunden-Insights und Lebensgeschichten
Begleitet von Prof. Dr. Tobias Strobl, Professor für Methodology of Scale, und mir tauschten die Teilnehmenden bayerische Präzision gegen kalifornische Spontanität und lernten, dass beides zusammen die vielleicht beste Innovationsformel ergibt.
Neben den Studierenden nahmen auch Gäste aus verschiedenen Fachrichtungen und Unternehmen teil - eine bunt gemischte Gruppe aus neugierigen, kreativen und ambitionierten Machern. Gemeinsam verbrachten wir eine intensive Woche an der Santa Clara University, dem langjährigen Partner der Hochschule, um vor Ort zu erleben, was Innovation im Silicon-Valley-Stil wirklich bedeutet: mutig denken, schnell scheitern, schneller lernen - und dabei stets offen bleiben für neue Ideen. Oder, wie es ein Teilnehmer scherzhaft formulierte: „In Bayern sagen wir ‚Schau ma moi‘ - im Valley heißt das ‚launch it and see what happens‘.“
Ein zentrales Element der Woche waren die Sessions von Prof. Dr. Tobias Strobl. Seine Schwerpunkte: Business Model Understanding, Customer Interviews und die Identifikation der Riskiest Assumptions - also jener Annahmen, die über Erfolg oder Misserfolg eines Geschäftsmodells entscheiden können. Prof. Dr. Strobl vermittelte auf anschauliche Weise, wie man aus einer vagen Idee ein marktfähiges Geschäftsmodell entwickelt und welche Denkfallen man dabei besser meidet. Statt sich in PowerPoint-Schlachten zu verlieren, setzte er auf praktische Methoden, die an den Spirit des Silicon Valley erinnern: rausgehen, reden, testen.
Sein Credo: „Nur wer mit echten Menschen spricht, kann echte Probleme lösen.“ Und so wurden die Teilnehmenden kurzerhand im Rahmen einer sogenannten „Coffee Challenge“ auf die Straßen von San Francisco geschickt, um Kundeninterviews zu führen.
Und das klappt im Silicon Valley tatsächlich erstaunlich gut, denn anders als in Deutschland muss man dort niemanden lange überreden, ein Gespräch zu führen. Die Menschen reden gern, offen und oft gleich ein bisschen mehr, als man erwartet hätte. So bekam man neben wertvollen Kunden-Insights auch die eine oder andere Lebensgeschichte erzählt, nach der eigentlich niemand gefragt hatte, inklusive Beziehungsstatus, Umzugsplänen und den Tipp für die beste Sports Bar in der Bay Area. Ein echtes Praxislabor für Gesprächsführung und Small Talk auf höchstem Niveau. Auch wenn dies bedeutet zu lernen, an welchen Stellen ein höfliches Nicken vollkommen ausreichend ist.
Silicon Valley isn’t a place - it’s a mindset
In einer weiteren Einheit ging es darum, Risiken im eigenen Geschäftsmodell zu erkennen – jene Punkte, an denen das Kartenhaus der eigenen Idee wackelig wird. Durch gezielte Fragestellungen, kleine Experimente und kreative Tests lernten die Teilnehmenden, wie man Risiken frühzeitig identifiziert, bevor man Monate in eine Sackgasse investiert. Damit wurde aus dem vermeintlich trockenen Thema Business Model Development ein lebendiger Prozess. Ganz im Stil des Silicon Valley: schnelles Denken, schnelles Handeln, schnelles Lernen.
Aber: Selbst im Silicon Valley läuft selten alles nach Plan und genau das macht es so spannend.
Ein Paradebeispiel dafür erlebten wir leider hautnah: einer unserer hochkarätiger Keynote Speaker und langjähriger Experte im Bereich Financial Services and Technology Strategy, musste seinen Vortrag kurzfristig absagen, ausgerechnet wegen eines Beinbruchs. Wenn das kein Reminder dafür ist, dass selbst im Valley nicht alles glattläuft!
Also hieß es: improvisieren, ganz im Sinne des Silicon Valley Mindsets. Innerhalb weniger Stunden entschieden wir uns, spontan eine Pitch Training Session unter dem Thema „How to speak without tripping over your tongue“ einzuschieben. Mir war wichtig zu zeigen, dass Präsentieren nicht nur mit Perfektion im Fach zu tun hat, sondern mit Klarheit, Authentizität und Respekt vor dem Publikum. Anders formuliert: „Du musst nicht der Lauteste im Raum sein, nur derjenige, der weiß, warum er dort steht.“
Kleiner Tipp: die berühmte „Superman-Pose“. Wer sie zwei Minuten lang einnimmt, steht danach nicht nur gerader, sondern spricht auch überzeugter. Kombiniert mit der Regel „Know your stuff – but never underestimate the intelligence of the people in front of you“ sorgte das Coaching für sichtbare Veränderungen unter den Teilnehmern, Ehrlichkeit über Nervosität und am Ende der Masterclass für großartige Pitches.
Auch die Gastredner der Woche konnten sich sehen lassen. Peter Leroe-Muñoz, Senior Vice President of Technology & Innovation und General Counsel im Bay Area Council, eröffnete die Masterclass mit einer Reise durch die Geschichte und Mechanismen des Silicon Valley. Seine Kernaussage: „Silicon Valley isn’t a place - it’s a mindset.“ („Das Silicon Valley ist kein Ort - es ist eine Denkweise.“)
Shomit Ghose, Venture Capitalist und Lecturer an der Santa Clara University, zeigte eindrucksvoll, dass Daten die wahre Währung des 21. Jahrhunderts sind. „Data is the real currency of the Silicon Valley and the world,“ betonte er. Eine Erkenntnis, die wohl niemand mehr vergisst, wenn er sich dem nächsten Datenschatz widmet.
Und Justin Lokitz, Unternehmer, Professor und Bestsellerautor, führte die Teilnehmenden beim Workshop an der California College of the Arts zurück zu den Wurzeln der Kreativität. Mit Papier, Klebeband und Schere wurde gebastelt, geklebt und getestet. „Back to sticks and stones“. Hier ging es darum, das Kundenbedürfnis zu fühlen, nicht nur zu verstehen. Ein Teilnehmer resümierte später: „Für mich einer der spannendsten Tage. Extrem hilfreich, um unseren kreativen Prozess zu lenken und unsere Zielkunden wirklich zu verstehen.“
Big Tech – Von BMW zu NVIDIA
Natürlich durfte bei einer Woche im Silicon Valley auch der Blick hinter die Kulissen der großen Tech-Unternehmen nicht fehlen. Im Technology Office der BMW Group wurde diskutiert, wie ein deutscher Premium-Autobauer mitten in Kalifornien Innovation lebt. Bei NVIDIA ging es um künstliche Intelligenz und den rasanten technologischen Fortschritt. Plug & Play gewährte Einblicke in die Welt der Investoren, was sie sehen wollen, was sie meiden. ServiceNow zeigte, wie digitale Plattformen die moderne Arbeitswelt neu definieren.
Gedankliches Schleudertrauma
Nach sechs intensiven Tagen voller Input, Inspiration und Interaktion stand für alle fest: Das Silicon Valley ist kein Mythos, sondern eine Haltung. Eine, die auf Neugier, Mut und Tatkraft basiert und auf dem festen Glauben daran, dass jede Idee, egal wie klein, das Potenzial hat, die Welt zu verändern.
Für mich ist das Silicon Valley jedes Mal wie ein gedankliches Schleudertrauma - im positivsten Sinne. Man landet mit klaren Vorstellungen und fliegt zurück mit einem Kopf voller Post-its, Aha-Momente und dem plötzlichen Wunsch zuhause erstmal alles auf den Kopf zu stellen.
Während wir in Bayern gerne erst den Businessplan schreiben, bevor wir den ersten Satz laut aussprechen, wird im Valley längst getestet, gepitcht und gegebenenfalls fröhlich neu gestartet. Scheitern ist dort kein Drama - eher eine Art sportliches Hobby.
Und genau das ist das Geschenk dieser Reise: Sie zwingt einen, das eigene Denken auf links zu drehen, die Angst vor Fehlern zu verlieren und zu erkennen, dass „einfach mal machen“ oft der mutigste Schritt ist.
Jessica Laxa
Jessica Laxa verfügt über einen Masterabschluss in Medientechnik mit dem Schwerpunkt Medieninformatik und bringt langjährige Erfahrung in den Bereichen IT, Softwareentwicklung, Wissenschaftskommunikation sowie digitale Innovationen mit. Sie ist als operative Leitung am Entrepreneurship-Zentrum der Technischen Hochschule Deggendorf tätig und begleitet seit 2024 die Masterclass in Kooperation mit der Santa Clara University.